Betonbunker im Wald

Sächsische Zeitung – Großenhainer Zeitung (Landkreis Meißen) – Mittwoch, 5. Juli 2017

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Wie die Wolfsschanze ragen die Mauern eines alten Wehrmachts-Schießstandes im Raschützwald empor.
Militärhistoriker Marcel Reichel kennt ihre Geschichte.

Fotos: Klaus-Dieter Brühl

Meterdicke Betonmauern ragen noch heute im Raschützwald auf. Sie erzählen von militärischer Nutzung durch die Sowjetarmee, aber auch schon früher.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Die Anwohner, denen diese Waldstücke gehören, sind sicherlich nicht glücklich damit: Wo im Dreieck zwischen Adelsdorf, Skäßchen und Niegeroda im Wald meterhohe Betonwände aufragen, lässt sich keine vernünftige Forstwirtschaft betreiben. An einen Abtransport dieser Betonmassen ist auch viele Jahre nach Nutzungsende dieses Geländes nicht zu denken. Gleiches gilt für die noch intakten Bunker einige Hundert Meter weg. Doch worum handelt es sich hier eigentlich? Frei zugänglich für Neugierige, Wanderer und leider auch illegale Müllentsorger sind heute der ehemalige Schießstand der Wehrmacht, der in den 1930er Jahren aufgebaut und 1945 gesprengt wurde. Und auch die russische Funksendestelle der 105. Jagdbomberdivision Großenhain. Marcel Reichel kennt beide Bereiche, die nahe beieinander liegen. Er hat alte Messtischblätter, die die Fläche der einst abgesperrten Anlagen angeben: Die Wehrmachtsschießstände hatten einen Umfang von 1,3 Kilometer und eine Fläche von zehn Hektar.

Im Bunker der ehemaligen Funkstation

Die Funkstelle der Roten Armee war noch größer: 1,5 Kilometer Umfang und 15 Hektar Fläche. Vor Ort steht man vor gewaltigen Bauwerken. Im Juli 1991, kurz nach dem plötzlichen Verschwinden der Roten Armee aus diesem Außenposten, berichtete die SZ schon einmal von hier – und dann 26 Jahre lang nicht mehr. Doch Fotos von damals geben Einblick in die über Jahrzehnte verbotene Zone: die Funksendestelle war um 1980 mit acht Kfz-Deckungen (Bunkern) aus Betonsteinen, mit Dienstgebäude (Wache) und Trafostation errichtet worden. Rund herum war  ein doppelreihiger Zaun, dessen Pfähle noch heute zu sehen sind. „An der Zufahrtsstraße gab es ein Wellblechtor mit der Aufschrift ‚Achtung Wache‘“, weiß Marcel Reichel. Er zeigt auf die aufgehende Sonne, die in einem Fenstergitter nachgebildet ist. Dieses Gitter deutet laut Reichel darauf hin, dass im Raum dahinter Verschlusssachen vorhanden waren. 30 Sowjetarmisten sollen ständig in diesem Außenposten des Flugplatzes gelebt haben. Es gab eine feste Funkanlage und mobile Fahrzeuge, die in den Bunkern standen. „Der Posten war so weit weg vom Flugplatz abgesetzt wegen der Störnebel und der Abgeschiedenheit“, sagt Marcel Reichel. Denn von hier aus und vom Flugplatz wurde die Einsatzbereitschaft der Jagdbomberdivision sichergestellt. Heute ist hier viel geplündert, zum Beispiel die Tore der acht großen Bunker, die etwa 20 Meter lang sind und links und rechts mit Erde aufgeschüttet. Drinnen liegen Bau- und Kabelschrott, verbrannte Reifen. „Hier wurden wilde Feste gefeiert“, so Marcel Reichel. Draußen sieht man noch die metallene Abspannung der Antennen am Weg. Die Panzerstraße führt weiter zum zerstörten Schießstand der Wehrmacht. „Hier wurden die Bord-MGs der Flugzeuge eingeschossen“, weiß Marcel Reichel. Die deutsche Anlage hatte also auch mit dem Flugplatz zu tun. Nach Kriegsende 1945 war die Wiedermilitarisierung von Militärstandorten verboten worden, deshalb sprengten die Russen den Schießstand. Wer oben über die bis zu 10 Meter hohen Trümmerteile steigt, aus denen dicker Bewährungsstahl heraus ragt, erkennt drei bis vier Meter tiefer die lange Schießgasse. „Das war eine Versuchsstelle, für die die Wehrmacht das Gelände enteignet hat“, sagt der Hobbyhistoriker. Die Eigentümer bekamen die Altlasten genau so zurück wie an der russischen Sendestelle. Einen Feldlandeplatz aus Wiese und Feldsteinen soll es im Krieg ebenso gegeben haben wie einen Teich – ein Restloch von der Kiesentnahme für den Betonmischplatz gleich vor Ort.

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