Der Notfall-Funker

Sächsische Zeitung, Großenhainer Zeitung – Landkreis Meißen, Sonnabend/ Sonntag 29. Februar/ 1. März 2020

Foto: Anne Hübschmann

Marcel Reichel an der Bunkeranlage Granit.
Von hier aus kann der Militärhistoriker und Hobbyfunker auch funken. Jetzt hat er einen Sonderauftrag für ganz Sachsen.

Wenn morgen der Strom ausfallen würde, wäre Marcel Reichel bei Sachsens Behörden die Kontaktperson für die Krisen-Kommunikation

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Großenhain. Man stelle sich vor: Der Strom ist weg, das Festnetz fürs Telefon zusammengebrochen, und Handys gehen auch nicht mehr. Wer wäre dann Retter in der Not? Die Funkamateure! Einem davon, Marcel Reichel aus Großenhain, kommt in solchen regionalen oder überregionalen Großschadensfällen und Katastrophen sogar eine besondere Bedeutung zu: Er ist der Notfunkreferent für ganz Sachsen. In der Funkersprache ist von „Distrikt“ die Rede. Marcel Reichel ist für diese Rolle bestens prädestiniert: Denn er ist Amateurfunker und Feuerwehrmann in einem. Der Katastrophenschutz ist ihm beruflich vertraut.
Seit 1995 lässt er sich im Sprechfunk ausbilden. Der 41-Jährige ist damit nicht nur privat mit der Struktur des Amateurfunks verbunden. Sondern er versteht sich seit 25 Jahren auch auf den Funk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). 
Im März vorigen Jahres wurde Marcel Reichel, der seit zehn Jahren Mitarbeiter der Großenhainer Stadtverwaltung ist, zum Distriktreferenten für Sachsen ernannt. Das war keine einfache Sache. Notfallkommunikation und Amateurfunk war ein Thema bei der Landesdirektion, aber man wusste nicht, wen man einbeziehen könnte. „Für uns Amateurfunker ist die Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen selbstverständlich“, sagt der bekannte Großenhainer. Aber wer gibt sich schon gleich als Amateurfunker zu erkennen. Marcel Reichel war zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
„Mir persönlich war Hilfe leisten schon immer wichtig“, sagt er. Und Kommunikation ist dabei der zentrale Punkt. Reichel funkt nicht nur von zu Hause in der Weßnitzer Straße, sondern, auch vom Großenhainer Sonderfunkstandort der Amateurfunker. Oder mobil, zum Beispiel aus dem Auto. „Wenn es ernst wird, sind wir vom Verbot des Nachrichtenaustauschs an Dritte ausgenommen“, sagt Reichel. 
Konkret heißt das, dass die Amateurfunker in ganz Sachsen auch mit akkubetriebenen Handfunkgeräten Nachrichten übermitteln können, die wichtige Infos enthalten: zum Beispiel, wo akut Hilfe gebraucht wird. „Das setzt auch eine Verschwiegenheitspflicht voraus“, unterstreicht der Amateurfunker, der für den Ernstfall sachsenweit als Ansprechpartner unter den Funkern gilt. So einen Krisenfall hat Marcel Reichel in Sachsen allerdings noch nicht erlebt.
Beim Tornado vor zehn Jahren hat er mit Satellitentelefon Nachrichtenkontakte aufgebaut.
Ein Mal monatlich werde so ein Ernstfall deutschlandweit trainiert, am zweiten Freitag im Monat auf einer vorgegebenen Frequenz auf Kurzwelle. Dann hat auch Marcel Reichel Funkkontakt mit einer Leitstation. Jeder in der Station muss seinen Standort, das Gerät, die Antenne, Sendeleistung und die jeweiligen Wetterbedingungen nennen. Dann wird der Notfunkrundspruch Deutschland ausgestrahlt. „Dort werden auch internationale Frequenzen von Erdbeben oder ähnlichem genannt, die freizuhalten oder abzuhören sind“, sagt Reichel. „Um etwaige Notrufe weiterleiten zu können.“ 
Per Modem kann der Großenhainer Emails per Kurzwelle übertragen, wenn andere Wege ihren Dienst versagen. „Ich kann dann mein Funkgerät mit einem Computer verbinden“, erklärt der Großenhainer. Doch natürlich gibt es dafür internationale Regeln, denn die Amateurfunker können weltweit Kontakt untereinander aufnehmen. „Jeder muss eine Prüfung bei der Bundesnetzagentur ablegen“, erklärt Marcel Reichel. Der Amateurfunk sei klar definiert und stehe anerkannt neben anderen Funkdiensten wie öffentlicher oder nichtöffentlicher Funk, Morsetelegrafie, Satellitenfunk‚ Bildübertragung, Amateurfunkfernsehen oder Datenfunk.
Auch den 15 Mitgliedern des Großenhainer Amateurfunk-Vereins, dem Reichel vorsteht und die sich jeden Mittwochabend auf ihrer Frequenz Sachsen 18 (145, 450 MHz) treffen, sind internationale Frequenzbereiche zugewiesen. Innerhalb derer dürfen die Sende- und Empfangsfrequenzen frei gewählt werden, denen bestimmte Betriebsarten zugeordnet sind, wie Daten- oder Sprechfunk. 
Sollte z. B. bei Stromausfall eine Ersatzkommunikation nötig werden, können Amateur-Notfunker den Nachrichtenverkehr zwischen den BOS-Kräften und der betroffenen Bevölkerung funktechnisch ergänzen. „Nicht ersetzen“, unterstreicht Marcel Reichel. Das funktioniert wie ein Katastrophen (KAT)-Leuchtturm. Das kann eine Gemeindeverwaltung sein oder ein Krankenhaus.
Das Ganze kommt zum Einsatz, wenn die 112 über Telefon nicht mehr möglich ist. Nur wirklich lizenzierte Funkamateure sind einbezogen. In Deutschland gibt es 80.000 Amateurfunker. 

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