Er bringt Leben in den Russen-Bunker

Sächsische Zeitung – Großenhainer Zeitung (Landkreis Riesa-Großenhain) – Sonnabend/ Sonntag 30./31. Oktober 2010

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Die Großenhainer Flugplatzausstellung im Bunker vom Typ „Granit“ ist das Werk von Marcel Reichel und seinem Team. Der 32-Jährige hat Kontakte zu Militärhistorikern weltweit. Die Besucher kommen zum Beispiel aus Japan, den USA, Frankreich und Großbritannien. 

Foto: Arvid Müller

  • Elbland-Portrait 

Marcel Reichel hat im Bunker auf dem Flugplatz Großenhain ein kleines Museum ins Leben gerufen.

Von Sandro Rahrisch
SZ.ELBLAND@DD-V.DE

Marcel Reichel öffnet ein grünes Stahltor. Es ist die Pforte in eine andere Welt. Oder besser gesagt, in eine andere Zeit. Von welcher, davon ist zunächst nichts zu sehen. Nicht ein einziger Lichtstrahl erhellt die vollkommene Finsternis hinter dem Eingang. Nur der Geruch von Motorenöl liegt in der Luft. Fast wie in einer Kfz-Werkstatt. Außerdem ist es feucht und kalt. Zehn Grad zeigt das Thermometer an – egal zu welcher Jahreszeit, erzählt Reichel. Dann lüftet er das Geheimnis und lässt das Licht aufflackern.

Szenen wie im Spionagethriller

Hinter dem 32-Jährigen erstreckt sich eine 30 Meter lange Röhre. Sie erinnert an einen Autobahntunnel. Nur versteckt sich hier mehr Geschichte. Es handelt sich um einen Bunker, der fast 30 Jahre lang das Waffenlager der Sowjets auf dem Großenhainer Flugplatz beherbergte. Vor elf Jahren entdeckte Marcel Reichel das Bauwerk, als er auf der Suche nach Räumen für eine Flugplatzausstellung war. „Damals war die Decke völlig verrußt“, sagt er. Nach der Wende sei hier ein Film gedreht worden, in dem die Produzenten ein kräftiges Feuer lodern ließen. Der heute denkmalgeschützte Bunker musste mehrere Wochen lang von innen gesandstrahlt werden, bis hinter dem Schwarz wieder Granit hervortrat. Vier Jahre dauerte es, bis Reichel erstmals Besuchern den gefahrlosen Zutritt gewähren konnte. Seitdem wächst die Ausstellung jährlich um einzigartige Schmuckstücke wie einen Funkwagen vom Typ Gorkovskij Avtomobilnyj  Zavod 69. Seit vergangenem Monat ist außerdem die Schautafelsammlung zur Flugplatzgeschichte komplett. Dabei hat Reichel seine Beziehungen zu Moskau spielen lassen. Die Tochter des ersten Divisionskommandeurs der sowjetischen Luftstreitkräfte auf dem Flugplatz, Alexander Iwanowitsch Pokryschkin, ließ dem Großenhainer alte Fotografien zukommen. Und wessen Hobby die sowjetische Militärgeschichte ist, der fühlt sich ab und an wie in einem Spionagethriller aus dem Kalten Krieg. Erst im vergangenen Jahr bekam Marcel Reichel unerwarteten Besuch von dem französischen Hauptstabsfeldwebel Frederic Hoyez, der noch vor der deutschen Wiedervereinigung den sowjetischen Funkverkehr in der DDR abhörte. Oder von den US-Streitkräften, die auch 64 Jahre nach Kriegsende nach verschollenen Piloten im Elbland suchen. Oder von einem ehemaligen Rotarmisten, der Reichel ein Luftbild von Großenhain zuspielte, das wahrscheinlich aus den 80ern stammt. Der Russe kam übrigens mit den Worten „Ich habe da etwas, was Sie interessieren dürfte“ auf Reichel zu. Die 5,20 Meter mal 2,70 Meter große Fotografie ist heute ein Teil der Ausstellung.

Marcel Reichel öffnet den Großenhainer Bunker vom Typ „Granit“ für Besucher. 

Foto: A. Müller

Der Ausstellung wird eine Luftbildaufnahme zugespielt, die in den 80ern angefertigt wurde.

Der Vermissten-Suchdienst der US-Streitkräfte forscht in Großenhain zum Verbleib von Pilot E. Righetti. 

Marcel Reichel bekommt Besuch von dem französischen Hauptstabsfeldwebel Hoyez. 

Foto: Brühl 

Nächste Reise nach Moskau

Und woher stammt die Begeisterung für Militärgeschichte? „Zum einen befand sich mein Kindergarten direkt neben dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Großenhain“, sagt Reichel. Das habe neugierig gemacht. Und: Im Herbst 1989 durfte Reichel als einer von 20 auserwählten Großenhainen die hoch gesicherten Grenzen des Flugplatzes passieren und einen Blick auf die Piste werfen. Seine nächste Reise unternimmt Marcel Reichel, der im Bauhof der Großenhainer Stadtverwaltung arbeitet und nebenbei noch Feuerwehrmann ist, nach Moskau. Das Staatsmuseum habe ihn und die Mannschaft der Flugplatzausstellung, Carola Gärtig und Andrej Tschekmarjow, eingeladen.

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