Furchtlose Lokführer vor der Kamera

Sächsische Zeitung – Großenhainer Zeitung (Landkreis Meißen) – Freitag, 21. Dezember 2018

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Ein Kamerateam des MDR-Sachsenspiegel befragt den ehemaligen Lokführer Ludwig Beger, wie es denn damals war, als die sowjetischen Kampfflieger knapp über die Züge flogen. Das richtige Ambiente bietet die militärhistorische Flugplatzausstellung in der Großenhainer Bunkeranlage „Granit“.

Nirgendwo anders kamen sich Militärflugzeuge und Züge so nah wie ihn Großenhain. Der MDR bringt es ins Fernsehen. 

Von Jörg Richter

Ludwig Beger aus Großenhain ist seit sechs Jahren Rentner. 50 Jahre arbeitete er für die Bahn. „Erst für die richtige, später für die Bundesbahn“, witzelt er. Er war Lokführer aus Leidenschaft. 42 Jahre lang. Erst fuhr er Dampfloks, später dann Diesel- und Elektro-Lokomotiven. Nach eigenem Bekunden sei er einer der wenigen, die noch alle drei Lok-Typen gefahren sind. Alleine dieser Fakt wäre ausreichend, um über ihn einen interessanten Artikel zu schreiben oder ihn ins Fernsehen zu bringen.
          Aber Ludwig Beger ist mehr als das. Er ist Zeitzeuge einer der kuriosesten Bahnstrecken, die es je in Deutschland gegeben hat. Und dieser besondere Bahnabschnitt befand sich am Großenhainer Flugplatz. Genauer gesagt kurz hinter der Start- und Landebahn des ehemaligen sowjetischen Militärflugplatzes. Hier hoben die russischen Kampfflieger ab. Sehr oft in geringer Höhe. Ludwig Beger erinnert sich noch lebhaft daran. „Manchmal flogen sie nur wenige Meter über unseren Zug hinweg“, erzählt er. „Dabei konnte man sogar die Gesichter der russischen Piloten sehen.“ Gelegentlich hätte auch mal einer gegrüßt, was allerdings nicht häufig vorkam. Denn Kontakte zwischen Deutschen und Russen waren trotz der offiziellen Order zur deutsch-sowjetischen Freundschaft eher die Ausnahme, zum Teil sogar unerwünscht.
          Vor allem die schweren Jagdbomber vom Typ Suchoi Su-24 brauchten fast die gesamte 2,5 Kilometer lange Startbahn, um abheben zu können. Sie waren von 1982 bis 1988 in Großenhain stationiert und konnten bis zu sieben Tonnen Bomben laden. Oft kamen sie gefährlich nah an die Eisenbahnanlagen heran. Gerade wegen der schweren Maschinen gab es bereits seit 1967 ein Abkommen zwischen der Deutschen Reichsbahn der DDR und dem sowjetischen Militär, dass kein Zug auf der Bahnstrecke bei Folbern fahren durfte, wenn Flugzeuge vom Großenhainer Flugplatz starteten oder landeten. Das hat der Großenhainer Militärhistoriker Marcel Reichel durch Korrespondenz mit deutschen und russischen Zeitzeugen erfahren. Dass Militärflugzeuge den Eisenbahnen so nah kamen, sollte eigentlich vermieden werden. Doch wie Ludwig Beger bestätigt, war das trotzdem keine Seltenheit.
          Auch nach der Wende blieb dieser Abschnitt der Bahnstrecke Dresden – Cottbus eine heikle Angelegenheit. Wegen der Nähe zum Militärflugplatz wurde anfänglich darüber nachgedacht, die Bahntrasse abzusenken und einen Tunnel darüber zu bauen. Die Kosten wurden damals auf zwei bis drei Millionen D-Mark geschätzt. Allerdings wurden diese Pläne verworfen.
          Am 31. Mai 1992 ging die Bahnstrecke in den elektrischen Betrieb. Doch am Ausgang der Start- und Landebahn fehlten die Strommasten. Und zwar auf einer Länge von 660 Metern. Das hatte zur Folge, dass die E-Loks diesen Abschnitt ohne Strom bewältigen mussten. An Bahnbaustellen passiert das auch heute. Aber über Strecken von maximal 300 Meter. 660 Meter waren schon eine Ausnahme. „Erst haben wir gedacht, wie soll das gehen“, erinnert sich Beger. Die Lösung: Die Züge mussten Schwung holen. „Bei den leichteren Personenzügen war das kein Problem“, sagt Beger. Sie kamen mit 100 km/h an und verloren kaum an Fahrt, als die E-Loks ihre Strombügel einklappten. Bei den Güterzügen sah das schon anders aus. Sie fuhren maximal 80 km/h, waren aber viel schwerer. „Trotzdem bin ich dort kein einziges Mal stehen geblieben“, sagt Beger nicht ohne Stolz. Nicht jeder Kollege schaffte das, dann musste eine Diesellok aushelfen. Vor allem, wenn der Zug aus Richtung Lampertswalde kam. Denn dort geht es leicht bergauf.
          Bis 1993 mussten sich die Lokführer mit dieser Variante behelfen. Dann im August zogen die Russen aus Ostdeutschland ab. 25 Jahre danach erinnert der MDR-Sachsenspiegel an die kurioseste Bahnstrecke Deutschlands, auf der E-Loks Anlauf nehmen mussten. Voraussichtlich soll der 2:30 Minuten lange Beitrag am 27. Dezember ab 19 Uhr im Sachsenspiegel gezeigt werden.

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Dieser russische Fliegerhelm ist in der Großenhainer Flugplatzausstellung zu sehen.

Im Sommer 1993 schoss ein russischer Soldat dieses historische Foto. Ein Großraumflugzeug, das Militärausrüstung nach Hause bringen soll, steht nahe der Eisenbahnstrecke.

Diese Suchoi Su-17 hob einst knapp über den Gleisen bei Großenhain ab

Fotos: Privat

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