Laudatio zur Verleihung der Kleinen Preuskermedaille für Marcel Reichel

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:News
  • Beitrags-Kommentare:1 Kommentar


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
werte Ehrenamtliche, Vereinsmitglieder, Sportfreunde, liebe Gäste,

als ich vor einiger Zeit gefragt wurde, ob ich im Rahmen der heutigen Veranstaltung eine Laudatio halten würde, war meine erste Reaktion – zugegeben – eher zurückhaltend. 
Es ist nicht jedem gegeben, sich einfach an das Pult zu stellen und eine festliche Rede zu halten.
Andererseits ist es eine große Ehre, dies tun zu dürfen und anlässlich der Würdigung eines Menschen zu sprechen. 
Was ich im Fall des heute zu Ehrenden sehr gern übernommen habe. Einen Menschen, den ich seit vielen Jahren kenne und den man – kurz gefasst – als freundlichen, sehr hilfsbereiten und kameradschaftlichen Zeitgenossen beschreiben würde.

Zu Beginn möchte ich aber etwas weiter ausholen und ein paar hundert Jahre in der Stadtgeschichte zurückgehen.
Unser 800-jähriges Großenhain wurde wesentlich durch die Tuchmacherei und – ab Ende des 19. Jahrhunderts – durch das 1. Königlich Sächsische Husaren-Regiment Nr. 18 geprägt.
Mit dem Beginn der Fliegerausbildung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ein neues Kapitel Stadtgeschichte geschrieben.
Der Militärflugplatz prägte fortan das Großenhainer Umland.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges erfolgte der weitere Ausbau durch die sowjetischen Streitkräfte zu einem der größten Militärflugplätze in der DDR.

Jeder Großenhainer, der diese Zeit erlebt hat, wird sich an den ohrenbetäubenden Lärm – und vielleicht auch an die Blechdosen, die mit Erfindergeist zu den sogenannten „Russenkillern“ umgearbeitet wurden, erinnern. 
Jüngere, die sich darunter nichts vorstellen können, befragen bitte ihre Eltern oder Großeltern. 
Für viele – auch für mich – grenzte es an ein Wunder, als die „Russen“ im August 1993 aus Großenhain abzogen. Und dies, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Nach dem Rückbau der militärischen Einrichtungen stand der zivilen Nutzung des Flugplatzes nichts mehr im Wege und er entwickelt sich seitdem zunehmend zu einem wichtigen Großenhainer Wirtschaftsstandort.

Es ist ein wesentliches Verdienst des heute zu Ehrenden, dass es gelungen ist, die Erinnerung an die vergangene Zeit zu erhalten und anschaulich darzustellen. 
Marcel Reichel, der das damals noch hochgesicherte Flugplatzgelände 1989 zum ersten Mal betreten konnte, entdeckte Ende der 1990er Jahre die beiden noch ungenutzten Bunker des Typs „Granit“, welche offiziell als Rundbogendeckungen bezeichnet wurden.
Mit viel Fleiß, Organisationstalent, Improvisationsgabe und zahlreichen Helfern ist es Marcel gelungen, in den beiden Zeugen des kalten Krieges zahlreiche Exponate sowie Anschauungsmaterial akribisch zu sammeln und – mit einem kleinen Teil davon – eine umfassende Ausstellung über die Geschichte des Flugplatzes zu gestalten. 
Dieses ehrenamtliche Engagement ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem Erhalt einer Anlage, die – wir sollten uns glücklich schätzen, dies sagen zu können – an eine hoffentlich überwundene Zeit erinnert. 

Anerkennung fand Marcels Bemühen um authentische Exponate und um den möglichst originalen Erhalt der Anlage auch beim Landesamt für Denkmalpflege. 
Die beiden Bunker des Typs „Granit“ wurden aufgrund ihrer historischen Bedeutung in die Liste der Kulturdenkmale des Freistaates Sachsen aufgenommen.

Wohl jeder, der die Flugplatzausstellung besucht hat, wird sich an Marcels fachkundige Führung, untermauert mit zahlreichen Fakten und Anekdoten sowie gewürzt mit einer Prise gut gehüteter Geheimnisse der damaligen Zeit, erinnern. 
Besucher im Sommer erinnern sich vielleicht auch an die 12° C, die im Inneren der Anlage durchschnittlich herrschen…

Neben dem Erhalt der materiellen Werte liegt ihm, unterstützt durch Frau Gärtig als Übersetzerin, auch die Pflege persönlicher Kontakte zu den ehemaligen Militär­an­ge­hörigen am Herzen. 
Selbst die Tochter des ersten Divisionskommandeurs in Großenhain, Alexander Iwanowitsch Prokryschkin, ließ ihm Fotos für die Ausstellung zukommen.
Zahlreiche ehemalige Militärangehörige der Garnison und sogar Vertreter der  damals „anderen Seite“ waren schon Besucher der Flugplatzausstellung.

Ein Höhepunkt seines Engagements war die Einladung des Kommandeurs des 70. Gardepanzerregiments Zeithain zu einem Treffen hochrangiger Veteranen in Moskau. 
Überliefert wurden mir: Der herzliche Empfang, interessante Gespräche mit den Veteranen, die Besichtigung der Militärakademie und verschiedener Sehenswürdigkeiten sowie, Marcel, Dein erster Kontakt mit dem Begrüßungstrunk, den üblichen Sto Gramm. Auch für Abstinenzler gibt es da keine Ausnahmen…

Aber Marcels ehrenamtliches Engagement beschränkt sich nicht nur auf den Erhalt und den Ausbau der Flugplatzausstellung.
Seit Oktober 1995 ist der Mitarbeiter der Stadtverwaltung aktives Mitglied der Ortsfeuerwehr Großenhain. 
Er bildet sich ständig und sehr gewissenhaft in diesem Ehrenamt weiter und ist unter anderem als Zugführer und als Ausbilder für den Sprechfunk tätig.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Großenhainer Bilderkiste“ konnte Marcel die Flugplatzausstellung sozusagen in die Mauern unseres Kulturschlosses tragen. 
Mit historischen Aufnahmen wurden in dieser, bei den Großenhainern sehr beliebten Veranstaltung, sowohl die Geschichte des Flugplatzes als auch die wirtschaftliche Bedeutung des Garnisonsstandortes für die Großenhainer in einer lockeren Atmosphäre und mit zahlreichen Bildern kurzweilig vermittelt.

Die Zeit für seine zweite Leidenschaft, den Amateurfunk ist – wie man sich denken kann – knapp bemessen.
Er ist im Deutschen Amateur Radio Club e. V. organisiert und dort Vorsitzender des Ortsverbandes Großenhain. 
In Zusammenarbeit mit den Riesaer Funkamateuren wurde der Standort „Zum Fliegerhorst“ in den letzten Jahren ausgebaut und bietet gute Bedingungen für Wettbewerbe, welche diese beiden Ortsverbände oft gemeinsam bestreiten.    
Weiterhin ist Marcel im Distrikt Sachsen für das Referat Notfunk verantwortlich. 
Dieses noch junge Referat hat die Aufgabe, die Zusammenarbeit der Funkamateure mit den entsprechenden Behörden bei eventuellen Notfällen zu koordinieren.

Lieber Marcel, erst vor ein paar Tagen war ich „draußen“ und habe gesehen: Es wurde wieder geschachtet und die Schalung wartet auf den Beton. 
Es ist klar, auch ein Bunker kommt in die Jahre und auch eine russische Stützwand hält nicht ewig. 
Deshalb – und ich denke, dies ist auch in Deinem Sinne – muss man an dieser Stelle ein kleines Dankeschön an die vielen Helfer und Großenhainer Firmen, 
die Dich unterstützen, 
Dir Geräte zur Verfügung stellen, 
dicke Stahlplatten verschweißen
oder den Wildwuchs auf den Bunkern beseitigen 
und die ich nicht alle nennen kann,
anfügen. 

Marcel, ich freue mich, dass Du für Dein vielfältiges ehrenamtliches Engagement heute mit der „Kleinen Preuskermedaille“ geehrt wirst.

Steffen Uschner

 

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen