1913 - 1933

Vom Bau der Fliegerstation bis zum Beginn der geheimen Aufrüstung

TRADITION ALS GARNISONSSTADT

Großenhain hatte eine langjährige Tradition als Garnisonsstadt, die vom 18. bis ins 20. Jahrhundert dauerte. Es begann bereits 1705/06 mit der Stationierung von Dragonern im damaligen Hayn.
Ein von Friedrich August II. 1734 aufgestelltes Chevauxleger-Regiment war als sog. „Chevauxleger-Regiment Prinz Carl“ seit 1868 vollständig in Großenhain stationiert und wurde 1875/1876 in das „I. Husarenregiment Nr. 18“ umgewandelt. Es erhielt im Zeitraum 1874-1885 auf noch unbebautem Gelände außerhalb Großenhains ein Kasernement.

04_Luftbild_Großenhain und Fliegerstation_nach 1914
Personal der Fliegerstation Großenhain ca. 1914-1916
Horst von Minckwitz (1877 - 1956) - Erbauer und erster Kommandeur der Fliegerstation

SÄCHSISCHE MILITÄRFLIEGER

Seit 1911 wurden sächsische Offiziere als Militärflieger in der sog. 3. (Königlich-Sächsischen) Kompanie des Königlich- Preußischen Flieger-Bataillons Nr. 1 ausgebildet.
Die Übersiedelung dieser 3. Kompanie, welche bis dahin auf dem Truppenübungsplatz Döberitz (Brandenburg) lag, nach Sachsen, erforderte jedoch den Bau einer eigenen Militärfliegerstation.

PLANUNG DER FLIEGERSTATION IN GROSSENHAIN

Favorisiert für den Bau einer sächsischen Militärfliegerstation wurden 1912 die Orte Zeithain bei Riesa bzw. Leipzig. Der ausersehene Kommandeur des neuen Flugplatzes, der damalige Hauptmann Host Benno Adolf von Minckwitz (1877-1956) befand jedoch vor allem den Truppenübungsplatz Zeithain für untauglich. Die Suche nach einem besseren Flugplatzstandort führte dazu, dass auch die Stadt Großenhain zwei Plätze vorschlug. Hauptmann von Minckwitz bestätigte die besondere Eignung des Geländes am nördlichen Stadtrand, dicht nördlich der Husaren-Kaserne. 
Mitte November 1913, nach befriedigendem Abschluss der Verhandlungen mit der Stadt Großenhain und der Genehmigung zur Errichtung der Fliegerstation durch den König, wurde zügig mit dem Bau begonnen.
Die Grenzen für die geplante Fliegerstation sollten sein: im Westen – die Straße von Großenhain nach Elsterwerda, im Süden – die Eisenbahnlinie Großenhain – Cottbus, im Osten ein Feldweg, der von der Ortrander Straße nach Norden ging. Die nördliche Begrenzung sollte etwa 1.100 m nördlich der Eisenbahnlinie nach Cottbus, ca. am Chausseestein 16,2 verlaufen. Im Winkel von Bahnlinie und Elsterwerdaer Straße sollten die Kasernen für die Fliegerkompanie und ein Wirtschaftsgebäude Platz finden. Eine Flugzeughalle (Halle I) sollte längs der Elsterwerdaer Straße und eine Flugzeugwerft, ein Autoschuppen und zwei weitere Flugzeughallen (Hallen II und III) sollten längs der Eisenbahnlinie gebaut werden. Bis zu 60 Flugzeuge sollte die Fliegerstation auf einer Fläche von 600.000 m² aufnehmen.

02_Bauentwurf_1916
Bauentwurf zur Erweiterung der technischen Anlagen der Fliegerstation vom 29.06.1916
Abzeichen-Fliegerstation
Emblem der Fliegerstation
03_AK_Bau der ersten Flugzeughalle_1914
Zeitgenössische Postkarte (1914) mit Aufnahmen vom Flugplatzbau

BAU DER FLIEGERSTATION

Vom Bau der Fliegerstation versprach sich die Stadt höheres Ansehen und wirtschaftliche Vorteile. Sie investierte 400.000 Mark für den Zusammenkauf der für den Flugplatz notwendigen Fläche. Bereits Ende Januar 1914 wurden erste Baulichkeiten in Betrieb genommen. Im Februar wurde der Bau der Kaserne an einen Auftragnehmer vergeben. Wegen des Mangels an Arbeitskräften und Material musste der Bau im Krieg jedoch zurückgestellt werden. So waren die Mannschaften anfangs in der Husaren-Kaserne sowie in sog. „patriotischen Unterkünften“ (Schulen, Gasthäuser, Privatquartiere) untergebracht.
Verdienste beim Bau der Flugplatzanlagen erwarb sich wiederum Hauptmann von Minckwitz.

LANDUNG DES ERSTEN FLUGZEUGES

Am 21. Februar 1914, 13.02 Uhr, setzte nach 2,5 Stunden Flugzeit vor zahlreich erschienenem städtischem Publikum das erste Militärflugzeug in Großenhain auf. Es war eine bei den Deutschen Flugzeugwerken GmbH in Leipzig gebaute DFW Taube A 184.13 („Mars-Taube“) – ein einmotoriger Eindecker mit zwei Sitzen. Er wurde von Leutnant Emil Clemens gesteuert. Sein Begleiter war der Beobachter Leutnant Rudolf Hasenohr. Hauptmann von Minckwitz begrüßte die beiden Fliegeroffiziere. Nach Ölung und Auffüllung der Maschine mit 30 Litern Benzin hob die Besatzung 14.58 Uhr nach 200 m Startstrecke wieder ab und flog zurück nach Döberitz.

01_erste Landung eines Militärfliegers_21-02-1914
Das erste, am 21.02.1914 in Großenhain gelandete Flugzeug, - eine DFW-Taube A 184.13
10_Empfang Fliegerkompanie
Empfang der Flieger in Großenhain am 29.03.1014

EINTREFFEN DER FLIEGERKOMPANIE

Am Abend des 16. März 1914 traf auf dem Berliner Bahnhof der Stadt die 3. (Sächsische) Fliegerkompanie mit Bodenpersonal und Technik ein. Begrüßt wurde sie von Hauptmann von Minckwitz und überaus zahlreich erschienenen Großenhainer Einwohnern.
Mit dem Eintreffen der Fliegerkompanie begann der regel-mäßige Flugbetrieb auf dem Flugplatz Großenhain. Am 17. März 1914 erfolgte die offizielle Begrüßung der Fliegerkompanie durch die Stadt Großenhain.
Am 22. März 1914 trafen dann die ersten Flugzeuge (wahrscheinlich Albatros- Flugzeuge) für die Fliegerkompanie ein und am 1. April 1914 wurde der Flugplatz Großenhain dann einsatzbereit gemeldet. Ab Mai begann die Ausbildung von Flugzeugführern und ab Juni/ Juli von Beobachtern. Ungeachtet nicht weniger Pannen und Flugunfälle steigerte sich der militärische Flugbetrieb in Großenhain.
Mehrmals besuchte der sächsische König Friedrich August III. (1865 – 1932) mit Gefolge den neuerbauten Fliegerhorst (1. Juli 1914 und 12. März 1918).

WEITERE FLUGPLATZBAUTEN

Mitte 1916 plante das Militär für die Fliegerstation Großenhain die Errichtung weiterer drei Flugzeughallen. Die in Großenhain 1914 errichtete Flugzeugwerft diente dem Auf- und Abrüsten der Flugzeuge sowie der Ausführung von Reparatur- und Wartungsarbeiten. Im Herbst 1917 erfolgte südlich der Bahnlinie Großenhain Cottbus neben der Kaserne des Husaren-Regiments der Bau einer Funkerkaserne mit jeweils zwei 25 m hohen Funkmasten. Hier wurden Funker für die Fliegertruppe ausgebildet, die in immer größerer Zahl benötigt wurden.
Im Laufe des Krieges machten sich immer neue Erweiterungsbauten notwendig, insbesondere für die Unterbringung der wachsenden Anzahl von fliegendem und Bodenpersonal. Für schwere Bauarbeiten wurden in den nachfolgenden Kriegsjahren zahlreiche Kriegsgefangene vor allem aus Russland und Serbien eingesetzt.

07_FLIEGERKASERNE
Die zeitgenössische Postkarte zeigt den Eingang/ Hauptwache zur Fliegerkaserne
02_Flugplatz Grossenhain
Personal der Fliegerstation Großenhain ca. 1914 - 1916

MOBILISIERUNG DER HEERESFLIEGER

Als am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung ausgerufen wurde, rückten von Großenhain innerhalb weniger Tage etwa 29 Flugzeuge mit einem Personal von mindestens 479 Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften an die Front ab. Sie gehörten den Feldfliegerabteilungen 23, 24 und 29 sowie dem Etappen-Flugzeug-Park 3 an.

BILDUNG DER FLIEGERERSATZ-ABTEILUNG NR. 6

Nach Abzug der Marineflieger wurde die königlich- sächsische Fliegerstation Großenhain mit ihrer Kaserne und den Flugplatzanlagen für die 6. Königlich-Preußische Ersatz-Abteilung bereitgestellt. Hauptmann von Minckwitz wurde von der Front abberufen. Er sollte die Aufstellung der neuen Flieger-Ersatz-Abteilung (FEA 6) organisieren. Zum 1. Januar 1915 wurde Hauptmann von Minckwitz ihr erster Kommandeur. Aufgabe der FEA 6 war es, den Ersatz an Personal, Bekleidung, Ausrüstung, Bewaffnung und deren Nachschub  zu sichern. Der FEA 6 waren, wie allgemein üblich, Fliegerschulen zur Ausbildung von Flugzeugführern und Beobachtern angegliedert. Während des I. Weltkrieges stellte die FEA 6 mindestens 17 Abteilungen und Staffeln der Aufklärer, Artillerieaufklärer, Jäger und Bomber sowie einen Flugpark und mehrere Fliegerschulen neu auf.
1916 erhielten in Großenhain auch österreichisch-ungarische Flugzeugführer ihre Ausbildung.

03_Flieger-Gruppe_1916
Fliegerschule der Fliegerersatzabteilung - 1916
06_Büchner_Windisch
Rudolf Windisch und Franz Büchner

BERÜHMTE FLIEGER

Auch der berühmteste Flieger des I.Weltkrieges, der als „Roter Baron“ bekannte Manfred Freiherr von Richthofen (80 Luftsiege) wurde am 10. Juni 1915 zur FEA 6 versetzt. Nach nur 11 Tagen hatte er den Beobachterkursus in Großenhain durchlaufen und wurde eiligst an die Ostfront verlegt, wo er die nächsten 2 Monate als Beobachter in der Feld-Fliegerabteilung 69 flog.
Die Ausbildungsleistung in Großenhain und den angegliederten Fliegerschulen war gewaltig. So ist es nicht verwunderlich, dass viele der 81 Pour-le-Mérite-Flieger der Luftstreitkräfte und Marine sowie andere hochdekorierte Flugzeugführer und Beobachter in Großenhain dienten bzw. ausgebildet wurden. Zu ihnen gehörten beispielsweise Rudolf Berthold (44 Luftsiege), Rudolf Windisch (22 Luftsiege), Ernst Freiherr von Althaus (9 Luftsiege), Manfred Freiherr von Richthofen (80 Luftsiege), Franz Büchner (40 Luftsiege)….
Die Sollstärke der FEA 6 mit Stab und vier Kompanien betrug 1918 – ohne Fliegerschulen und nachgeordnete Einrichtungen – 39 Offiziere und 2.000 Unteroffiziere und Mannschaften. Die FEA 6 soll zusammen mit ihr unterstellten Flugschulen und Einheiten gegen Kriegsende etwa 5.000 Mann stark gewesen sein.

EHRUNG DER TOTEN

Zwischen 1915 und 1920 starben etwa 90 Fliegersoldaten in Großenhain und Umgebung durch Flugunfälle und Krankheiten. Hinzukommen die zahlreichenTodesopfer des I. Weltkrieges.
Auf Initiative des Hauptmanns von Minckwitz wurde am 25. Mai 1916 im Kasernengelände zwischen Mannschaftsgebäude und Wirtschaftsgebäude ein Flieger-Gedenkobelisk aufgestellt. Hauptmann von Minckwitz hatte   den Entwurf dazu erstellt und den aus den Steinbrüchen bei Königsbrück stammenden mächtigen Granitblock für den Obelisken gestiftet. Ein Postament mit einer Bronzegussplatte mit der Widmung „Zum dauernden Andenken an im Kriege gefallene und in Ausübung ihres Fliegerberufs verunglückte Großenhainer Flieger“ krönte den Obelisken. Auf der Vorderseite war in Bronzeguss das Mittelstück eines zerbrochenen Propellers, als Symbol des Fliegertodes, umrahmt von einem Lorbeerkranz, angebracht. Am 28. August 1928 wurde das Flieger-Denkmal nach seiner mit einem Kostenaufwand von 1.500 Reichsmark verbundenen Umsetzung in den Stadtpark unterhalb der Freitreppe an der Berliner Straße feierlich neu eingeweiht. Nach 1945 sind erst die Gedenktafeln entfernt worden, danach verschwanden der Pyramidenstumpf und später der gesamte Basisblock.

05_GrnTbl_16-07-1918
Todesanzeige im "Großenhainer Tageblatt" 1918 für im Krieg gefallene Flieger
06_Feierliche Einweihung_Fliegerdenkmal im Stadtpark_28-08-1928
Feierliche Wiedereinweihung des Fliegerehrenmals im Stadtpark am 28. August 1928
08_Arbeiter-Soldatenrat
Großenhainer Arbeiter- und Soldatenrat 1919

REVOLUTIONÄRE EREIGNISSE 1919

Im November 1919 aktivierten die revolutionären Ereignisse auch die Soldaten der Großenhainer Fliegereinheit. Über ihre Funkstation hatten die Fliegersoldaten vom Aufstand der Matrosen in Kiel erfahren. In ihrer Druckerei erstellten sie ein Flugblatt mit der Aufforderung, sich den revolutionären Ereignissen anzuschließen. Dieses Flugblatt warfen sie in größerer Stückzahl mit dem Flugzeug über dem Raum Dresden ab. Am 7. November 1918 gegen 6.00 Uhr besetzten die Flieger die Wache der Husaren und gründeten mit diesen einen gemeinsamen Soldatenrat. Kundgebungen der gesamten Garnisonen und der Arbeiterschaft Großenhains fanden auf dem Marktplatz statt. Kommandierende Offiziere waren von den revolutionären Soldaten arrestiert worden. Am 9. November 1919 vereinigten sich der Großenhainer Arbeiter- und Soldatenrat. Die Revolution von 1919 scheiterte und auch in Großenhain gab der Soldatenrat Schritt für Schritt seine Machtbefugnisse auf und bald waren die ehemaligen Offiziere wieder in Rang und Befehlsgewalt.

ENDE DES AUSBAUS UND AUFLÖSUNG DER FLIEGERABTEILUNG

Im Zusammenhang mit der Bildung der vorläufigen Reichswehr 1919/20 entstand in Großenhain eine Reichswehr-Fliegerabteilung. Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages 1920 endete der Ausbau der Fliegerstation in Großenhain. Sie musste den Flugbetrieb einstellen und sich auflösen. Fast alle Flugzeughallen, die sonstigen Anlagen, Apparate sowie Material wurden zerstört. Auf einem Teil der durch das Schleifen des Militärflugplatzes freigewordenen Fläche wurde von 1922 bis 1925 eine Papierfabrik errichtet. Ehemalige Gebäude der Fliegerstation, wie die Wache, die Kaserne, die Autohalle und die Werft blieben erhalten, auf der Westseite zudem noch eine massive Flugzeughalle (Nr. 5) und eine Feldflugzeughalle in Holzfachwerksbau (Nr. 7).

09_Halle 5
Eindecker vor Halle 5 (1925)
02_Gauturnfest
Zum 16. Gau-Turnfest vom 9./10. Juli 1927 auf dem Flugfeld angetretene Turner
11_Fliegerehrenmal_Stadtpark

MASSNAHMEN ZUR FRIEDLICHEN NUTZUNG

Mit seinen Baulichkeiten fristete der Flugplatz in den folgenden Jahren ein kümmerliches Dasein, da auch die Entwicklung der zivilen Luftfahrt von den Siegermächten behindert wurde.
1927 diente er als Notlandeplatz, da die hierfür notwendigen Voraussetzungen der Nähe zu einer Ortschaft und die Anbindung an eine befestigte Straße gegeben waren.
Am 30. September 1923 wurde der Pachtvertrag zwischen dem Reich und der Stadt Großenhain gelöst. Nach erfolgter Rückgabe wurden Stück um Stück Teile des ehemaligen Geländes der Fliegerstation durch die Stadt zu anderweitiger Nutzung vor allem an die städtischen Rittergüter vergeben. Das riesige Gelände bot sich aber auch für sportliche und kulturelle Nutzungsformen an.
Im Jahre 1927 fand auf dem Gelände am 9./10. Juli das 16. Gau-Turnfest statt. Am 27./28. Mai 1931 wurde hier das 23. Sängerfest des Sächsischen Bundes Meißner Land ausgetragen.
Um die herrschende Wohnungsnot zu lindern, wurden in den Kasernengebäuden Notwohnungen für Großenhain eingerichtet.
Durch das Engagement der am 28. Januar 1921 gegründeten Großenhainer Fliegervereinigung (später bis zu seiner Auflösung zum 13. September 1933 hieß die Vereinigung „Verein für Luftfahrt zu Großenhain e. V. im D.L.V.) wurde der Fliegerhorst vor dem Verfall bewahrt. Der Verein baute Gleitflugzeuge und organisierte und veranstaltete ab 1926 Groß-Flugtage von Sportfliegern. Am 27./28. August fand im Rahmen einer Wiedersehensfeier aller ehemaligen Angehörigen des Fliegerhorstes Großenhain bzw. der FEA 6 die Einweihung des in den Stadtpark umgesetzten Flieger-Denkmals statt. Es fehlte auch Major a. D. von Minckwitz nicht, der Ehrenmitglied des Flieger-Vereins Großenhain war.

Von der Remilitarisierung bis zur Kapitulation nach dem II. Weltkrieg

1933 - 1945

Klammheimlich ging man 1934/35 an die Errichtung des neuen Fliegerhorstes der zukünftigen deutschen Luftwaffe. Großenhain wurde zum getarnten militärischen Flugplatz.

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