Zur 1000-Jahr-Feier Großenhains im Jahre 1954

Schwierigkeiten mit der Wahrheit oder Wie alt ist Großenhain wirklich? 

ein Artikel von Joachim Neumann  – 2005

Unter dem Titel „Das Tausendjährige Großenhain” erlebten Einwohner und Gäste unserer Stadt im Sommer des Jahres 1954 ein neuntägiges Fest und eine grandiosen Festumzug. Schon im darauffolgenden Jahr 1955 feierte man dann das Jubiläum „750 Jahre Stadtrecht Großenhain”.
Da solche Jahrestage es aber an sich haben, in gewissen Abständen ständig wieder neu aufzuleben, sollten wir vermuten können, dass es auch 50 oder 100 Jahre vorher Jubelfeiern aus gleichem Anlass gegeben hatte.
Doch weder 1905 noch 1930 gedachte man der Verleihung des Stadtrechts und auch eine stolze 900- oder 950-Jahr-Feier wurde niemals begangen. Versuchen wir also, auf die Suche nach der Wahrheit über die Jahre 954 und 1205 zu gehen.
Wir wissen, dass im Jahre 929 der deutsche König Heinrich I. die Hauptfestung der in unserem Gebiet ansässigen slavischen Daleminzier, Gana, eroberte und die Burg Meißen errichten ließ. Bald zogen deutsche Ritterscharen auch durch das Röderland, doch geschieht zu dieser Zeit natürlich noch keine dauerhafte deutsche Besiedelung. Es ist Krieg und wir finden wechselnde Herrschaftsverhältnisse vor.
Heimathistoriker Heinrich Stöcker schreibt: „Im Zeitraum von etwa 1002 bis 1033 gehörte das Gebiet östlich der Elbe, abgesehen von kurzzeitigen Zurückeroberungen, faktisch zu Polen. Der deutsche König sicherte den Besitz der Mark Meißen und eroberte die Lausitzen zurück. Ob deutsche oder polnische Heere, die Bewohner der Mark Meißen und der Lausitzen hatten jahrzehntelang unter Raub, Brand und Totschlag zu leiden. War das spätere Großenhainer Land schon vorher dünn besiedelt, so wurde es durch diese Kämpfe fast menschenleer . …
Den urkundlich genannten Burgward Guodezi oder auch Gvozdez auf Ossec (Großenhain) zu beziehen, … ist nicht zu beweisen. Die Historiker meinen, dass es sich dabei um den Burgward Gautsch, südlich von Leipzig handelt.”
Unter Zuhilfenahme aller Vorgängerchroniken, besonders der von Chladenius, veröfffentlichte Gustav Schuberth 1897 seine umfangreiche Chronik der Stadt Großenhain. Er nennt das Jahr 1045 als erste urkundliche Erwähnung, und bezieht sich dabei auf die Belehnung eines Ritters durch Kaiser Heinrich III. mit Land im Gebiet des erwähnten Burgwards Gvozdez. Um 1065 wird dann dieser Burgward mit dem Bischof von Naumburg in Verbindung gebracht.
Als im Jahre 1974 vom Stadtarchiv Großenhain entsprechende Nachforschungen unternommen wurden, führten die Antworten zu ernüchternden Resultaten: „Der archivalische Nachweis einer Erwähnung Großenhains im Jahre 1065 ist nicht zu erbringen” (Staatsarchiv Dresden), „Das Bestehen Ozzek-Großenhains bereits im 12. Jahrhundert können wir aus unseren Urkunden nicht nachweisen” (Domstiftsarchiv Naumburg).
Halten wir also fest: Um 954 wohnten sicher Menschen nahe der heutigen Stadt Großenhain, doch eher Slawen und keine Deutschen. Möglicherweise waren es wirklich 14 Fischerhütten, von denen, allerdings erst im 15. Jahrhundert, der Mönch Johannes ab Indagine berichtet haben soll. Die Entstehung einer befestigten deutschen Siedlung erfolgte auf jeden Fall später und führte innerhalb des 12. Jahrhunderts zur planmäßigen Anlage einer deutschen Kolonisationsstadt. Ein Gründungsdatum in Form der Verleihung des Stadtrechts ist nicht bekannt.
Das „Tausendjährige Großenhain” hätte man auch in vielen anderen Jahren feiern können.
Was (oder wer) hatte aber unsere ehemaligen Stadtväter zur „Tausendjahrfeier” getrieben? Auf diese interessante Frage kann es leider keine eindeutigen Antworten mehr geben, doch liegen auf Grund erhaltener Unterlagen gewisse Vermutungen nahe. Sie reichen ins dramatische Jahr 1953 zurück, das geprägt war von einem enormen Tempo beim Aufbau der Grundlagen des Sozialismus, was wiederum zu Lasten der Lebensverhältnisse der Bevölkerung ging. LPG-Gründungen, Normerhöhungen in der Industrie, größer werdende Nahrungsmittelknappheit, Entzug von Lebensmittelkarten für Selbständige, ansteigende Fluchtbewegungen in Richtung Westen aufgrund immer größerer politischer Repressalien und anderes mehr hatten dann zu den berühmten Ereignissen um den 17. Juni geführt. Die von SED und Regierung propagierte Politik des „Neuen Kurses” brachte in den nächsten Wochen und Monaten eine Vielzahl von Verbesserungen zustande. Die Schaffung des neuen „Wir-Gefühls” war staatlich durchaus gewollt, und zeigt sich in Großenhain beispielsweise in der Grundsteinlegung für die Kulturstätte, verbunden mit der großen Bereitschaft zu freiwilligen Aufbaustunden sowie der Gestaltung eines dreitägigen Seefestes im Monat Juli.
In dieser Zeit nahm auch die Idee der Ausgestaltung einer 1000-Jahr-Feier immer konkretere Gestalt an. Ein erhaltenes Sitzungsprotokoll vom 18. September 1953 zeigt aber, dass einige Teilnehmer der von Bürgermeister Wolfgang Weiß favorisierten 1000-Jahr-Feier skeptisch gegenüberstanden und eine 750-Jahr-Feier eher akzeptieren wollen. Es wurde vereinbart, den Titel 1000-Jahr-Feier vorläufig zurückzustellen und auf eine 750-Jahr-Feier hinzuweisen. Schon in der nächsten Sitzung des Festausschusses am 5. November wurden die Weichen aber endgültig gestellt. Einerseits hatte man jetzt Kenntnis über die bevorstehende Bereitstelllung finanzieller Mittel durch die Regierung für eine 1000-Jahr-Feier, andererseits glaubte man nun historische Beweise für 1000 Jahre zu besitzen.
Besonders Museumsleiter Johannes Eichhorn agitierte unermüdlich in diese Richtung. Schließlich wurde sogar vereinbart, beim Ministerium für Post- und Fernmeldewesen eine Sonderbriefmarke mit dem nunmehr festgelegten Festmotto „Das 1000-jährige Großenhain!” zu beantragen.
Dass das Fest, trotz aller inhaltlicher Fragwürdigkeiten im darauffolgenden Jahr ein voller Erfolg wurde und mehr oder weniger ganz Großenhain mitriss, ist hinlänglich bekannt. Es hat sogar die Legende noch gestärkt, denn ab 1954 zählte man konsequent die Jahre weiter, so dass solche Formulierungen wie „das 1021-jährige Großenhain” später kaum jemanden verwunderten.
„Das Fehlen von Geschichtsquellen oder die Unkenntnis darüber führen leider manchmal zu Ergebnissen, die ein falsches Bild von der Geschichte geben und unwissenschaftlich sind.
So hat z. B. die Stadt Großenhain1954 ihr angeblich tausendjähriges Bestehen gefeiert…” schrieb Karlheinz Blaschke 1956. „Die Großenhainer Heimatfreunde glaubten, sich auf eine alte Überlieferung stützen  zu können, die aber längst als unhaltbar erwiesen ist. Obwohl sie darauf aufmerksam gemacht wurden, blieben sie bei ihrer Tausend, die natürlich eine verlockende Zahl ist.”
Halten wir also weiterhin fest: Trotz warnender Hinweise beging man eine historisch nicht gerechtfertigte Tausendjahrfeier. Was uns dagegen als historisch exakt gegenübertritt ist das Jahr 1205 als das der urkundlichen Ersterwähnung in Zusammenhang mit der Bemessung von Getreide nach dem „Hayner Scheffel”. Wir können also davon ausgehen, dass sich in den davor liegenden Jahrzehnten das heutige Großenhain als eine städtische Siedlung mit regionaler Bedeutung herausgebildet hatte. 1955 wäre es also gerechtfertigt gewesen, nun unter Regie von Bürgermeisterin Hildegard Meißner, eine 750-Jahr-Feier zu veranstalten.
Schwierigkeiten mit der Wahrheit gab es allerdings erneut. Das dreitägige Heimatfest im Juli 1955 stand unter dem Motto „750 Jahre Stadtrecht Großenhain”. Natürlich bezog sich die Behauptung auf die oben angeführte urkundliche Ersterwähnung, doch wurde diese Tatsache gleich zum „nachweisbaren Stadtrecht”, wie Museumsleiter Johannes Eichhorn in der Festbroschüre schreibt, umgedeutet. Schon in den Beratungen des Jahres 1953 hatten er und andere Heimatfreunde in dieser Richtung argumentiert. Es wurde also wieder eine Halbwahrheit benutzt.
„Das tausendjährige Großenhain feiert in diesem Jahr sein 750-jähriges Stadtrecht,” hieß es nun in den verschiedenen Veröffentlichungen.
Glücklicherweise folgte 1980 keine Feier zu einem etwaigen 775-jährigen Stadtrecht. Inzwischen wurden die Fakten realistischer betrachtet, wenn auch das „tausendjährige Großenhain” immer wieder mal gern, sozusagen als Selbstbestätigung, zitiert wurde.
Doch noch einmal drohte das Problem der Schwierigkeiten mit der Wahrheit zuzuschlagen. Als es in der Vorbereitung der Großenhainer Landesgartenschau um das Areal des sogenannten „Schlosses” ging, tauchte sehr schnell wieder die Frage des Alters dieser ehemaligen Wehranlage auf. Erneut tappte man in die Falle Gvozdec-Ossek-Haxn. Mit einer über 900-jährigen Geschichte des Baukomplexes, die sich auf eine böhmische Chronik und die dort genannte Jahreszahl 1087 bezieht, erschienen schon erste Veröffentlichungen.
Wieder war es Karlheinz Blaschke, der in einem Schreiben ein Ausrufezeichen setzte. „Ich möchte die Stadt Großenhain und deren Stadtverwaltung vor der peinlichen Situation bewahren, aufgrund mangelnder Sachkenntnis ein höheres Alter in Anspruch zu nehmen, als sich aufgrund von Geschichtsquellen nachweisen lässt. …Es ist bedauerlich, dass … erneut der über hundert Jahre alte Fehler auftreten konnte. Ich empfehle dringend, dieser falschen Auffassung entgegenzutreten. 
Im Jahre 2005 kann Großenhain mit gutem Grund das 800.  Jubiläum seiner Ersterwähnung (nicht seiner Gründung!) begehen.”
Am Ende unserer Spurensuche sind wir nun endlich in der Gegenwart und zugleich der historischen Realität angekommen.
Großenhain – die alte und liebenswerte kleine Stadt – ist dabei, sich von historischen Halbwahrheiten zu befreien. Möge das vor uns stehende Festjahr unter dem Motto „800 Jahre Großenhain, 1205 – 2005″ ein voller Erfolg werden.  
P.S.: Im Jahre 2006 steht ein nächstes kleines Jubiläum ins Haus: 150 Jahre Großenhain als amtliche Ortsbezeichnung.
Doch das wäre schon wieder eine andere Geschichte.  

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