Russischer Überläufer stürzte auf Bundeswehrgelände

Sächsische Zeitung – Großenhainer Zeitung – Dienstag, 27. Mai 2014 

Su-7B_Slider

Das ist eine Suchoi Su-7B, die bis 1992 in Großenhain stand. Mit einem Jagdbomber dieses Typs ist Oberleutnant Jewgenij Lwowitsch Wronskij vor 41 Jahren von hier in die BRD geflohen. Darüber war bisher nur wenig bekannt.

Foto: privat

  • Großenhain

    Heute vor 41 Jahren ist ein sowjetischer Jagdbomber vom Militärflugplatz Großenhain nach Braunschweig getürmt.

Am 27. Mai 1973 stürzte ein sowjetisches Kampfflugzeug in Niedersachsen ab. Wie sich später herausstellen sollte, war der Jagdbomber des Typs Suchoi  Su-7 BM auf dem Großenhainer Militärflugplatz gestartet. Diese zur damaligen Zeit hochmodernen Jagdbomber waren in der Lage, mit fast zweifacher Überschallgeschwindigkeit eine taktische Atombombe zu befördern. Der Pilot, Oberleutnant Jewgenij Lwowitsch Wronskij, war vorher per Schleudersitz ausgestiegen und nördlich des Dorfes Hötzum unmittelbar neben einer Standortschießanlage der Bundeswehr mit seinem Fallschirm unverletzt auf einem Feld gelandet. Gegen 11:55 Uhr wurde das Feldjägerdienstkommando Braunschweig durch mehrere Telefonanrufe über den Absturz informiert. Das Flugzeug war südlich der Ortschaft Klein Schöppenstedt, parallel zur Bundesstraße B1 und teils auf dem Gelände des Standortübungsplatzes Herzogsberge gestürzt. Die verfügbare Bereitschaftsstreife war gerade dabei, den Unfallort aufzusuchen, um den Sachverhalt zu überprüfen. Da ging von der freiwilligen Feuerwehr aus Klein Schöppenstedt ein Anruf ein, der den Absturz bestätigte. Die Feuerwehr rückte aus, um kleinere Brände im Zusammenhang mit dem Absturz zu löschen. Die vor Ort eingetroffene Streife stellte fest, dass es sich tatsächlich um ein Militärflugzeug der SowjetarmeeAm 27. MaiAm handelt, da der rote Stern als Hoheitsabzeichen am Seitenleitwerk der schwer beschädigten Maschine eindeutig zu sehen war. Die Streife gab ihre Erkenntnisse sofort an das Feldjägerdienstkommando über Funk weiter, forderte gleichzeitig weitere Kräfte an und sicherte notdürftig die Absturzstelle. Inzwischen waren auch zahlreiche Streifenfahrzeuge der Polizei, aber auch Löschfahrzeuge der Berufsfeuerwehr Braunschweig eingetroffen, welche die Feldjäger bei der  Absicherung unterstützten. Immerhin war der Jagdbomber im militärischen Sicherheitsbereich heruntergekommen. Zu diesem Zeitpunkt stand nicht fest, ob er bewaffnet war und welche Gefahren noch von dem Wrack ausgingen. Gegen 12:20 Uhr drauf ein Streifenfahrzeug der Polizei ein, dass offenbar den Piloten an die Absturzstelle brachte. Er blieb wohl völlig unverletzt zunächst in dem Polizeifahrzeug sitzen. Später wurde er in der Hindenburg-Kaserne zu dem Vorfall befragt. Inzwischen waren auch höhere Offiziere der Bundeswehr angekommen, um sich die Absturzstelle zu besehen.

Russischer Pilot war geflohen

Gegen 13 Uhr waren die britische und die US-Militärpolizei aus Helmstedt fast zeitgleich eingetroffen. In deren Gefolge befanden sich weitere höhere Offiziere. Soldaten des Panzerbataillons 23 waren inzwischen damit beschäftigt, große Teile des Wracks mit Panzerplanen abzudecken. Am Nachmittag trafen hohe Offiziere der deutschen und alliierter Luftwaffen ein und besichtigten die Absturzstelle. Gleichzeitig rollten mehrere Faun-Schwerlastzugmaschinen und Kranwagen an, verluden die Flugzeugreste und brachten sie in die Heinrich-der-Löwe-Kaserne. Dort hatte man inzwischen eine Kfz-Halle leer geräumt, wo das Wrack von deutschen und alliierten Luftwaffenspezialisten ohne Zeitdruck untersucht werden konnte. Inzwischen war auch bekannt geworden, dass es sich bei dem abgestürzten Flugzeug um den zu dieser Zeit sagenumwobenen Suchoi SU 7 Jagdbomber handelte. Gleichzeitig wurde hinter vorgehaltener Hand kolportiert, dass es sich nicht um einen Unfall handeln würde, sondern um einen regelrechten Überläufer der Luftwaffe der Roten Armee. Nachträglich stellte sich Folgendes heraus: Der Jagdbomber, Baujahr 1964 mit der Werknummer 5411, gehörte zu einem sowjetischen taktischen Jagdbombergeschwader von Militärflugplatz Großenhain. Der Pilot, Oberleutnant Wronskij, wollte in den Westen überlaufen. Ein ehemaliger Kamerad hatte ihn später als stillen Einzelgänger beschrieben. Eine Fliegerausbildung hatte er nicht. Er war Flugzeugtechniker und hatte auch keinen Zugang zu den Flugtrainern. Aber er hatte wohl Kenntnis davon, dass für das Verbringen einer Suchoi SU 7 in den Machtbereich der NATO einerseits eine horrende Summe an US-Dollar an den Überbringer gezahlt würde. Andererseits war er mit den politischen Verhältnissen in der Roten Armee unzufrieden. Es drohte ihm zudem wegen eines kleineren Vergehens eine Strafe. Daher floh er im Tiefstflug offenbar völlig unbemerkt von der NATO-Luftverteidigung in Richtung Westen. Seine Karten waren ungenau, die Demarkationslinie war nicht eingetragen und der Pilot brachte die SU 7 zum kontrollierten Absturz. Die Reste des Jagdbombers wurden am 30. Mai 1973 nach gründlicher Untersuchung auf britische Tieflader verladen und an der GÜST Helmstedt, Checkpoint Alpha, von der Royal Air Force an die sowjetische Luftwaffe übergeben. Fast zeitgleich beantragte der Pilot politisches Asyl, das ihm gewährt wurde, und ging offenbar mit neuer Identität in die USA, wo sich seine Spur nach kurzer Zeit verlor. Nach seiner Flucht wurden hochrangige Offiziere aus Großenhain versetzt und auch der Kommandeur der letzte 16. Luftarmee, Held der Sowjetunion A. N. Katritsch abkommandiert.

Aufgeschrieben von Albrecht Günther.

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