Russisches Fernsehen dreht in Großenhain

Sächsische Zeitung – Großenhainer Zeitung (Landkreis Meißen) – Donnerstag, 6. Dezember 2018 

Kinder früherer Militärangehöriger wollen wissen, was aus der fremden Heimat geworden ist. Und sie besuchen.

Von Birgit Ulbricht

Die sowjetischen Weststreitkräfte – das waren nicht nur Zehntausende Soldaten, die jahrelang in Mitteldeutschland stationiert waren – sie hatten über hundert Schulen in ihren Garnisonen. Die 99. Schule stand in Großenhain auf dem Flugplatz. Heute ist von ihr nichts mehr zu sehen, doch kurz bevor sie weggerissen wurde, rettete Marcel Reichel Klassenbücher, die es noch gab, dokumentierte Klassenzimmer und Schulhaus. Wolfgang Wehner ist von dem Großenhainer begeistert, der nicht nur wie er geschichtsversessen ist, sondern seit zehn Jahren akribisch das Bunker-Museum Granit auf dem Großenhainer Flugplatz betreibt. Beide Männer haben sich nun auf unerwartetem Terrain zusammengetan – dem Tourismus. Wehner, 1990 Gründer des Gästeführerverbandes in Dresden und zu DDR-Zeiten noch in Dresden unterwegs, kam nach der Wende zusehends auf’s Militär zu sprechen. Denn Wolfgang Wehner, heute 79 Jahre und in Radebeul lebend, war Geschwaderkommandeur in der NVA und hat 23 Jahre lang Überschallflugzeuge geflogen.

Völlig neue Tourismussparte

Mit Marcel Reichel hat er genau den richtigen Part gefunden, Geschichte lebendig zu halten. Beide traten unlängst im Dresdner Hotel Kempinski auf und berichteten erstaunten Vertretern der Tourismusbranche, wie sie die Kinder und Enkel der früheren Militärangehörigen nach Mitteldeutschland und ganz speziell nach Großenhain holen wollen. Das Marcel Reichel, hin und wieder nach Russland fliegt, dort in Archiven forscht und jüngst sogar ein Interview im staatlichen Radiosender Rossija gab, ist bekannt. Dass er größeren Reisegruppen mit paar Hundert Teilnehmern absagen musste, hat er manchmal beiläufig erwähnt. Nun haben die beiden Militärhistoriker aber einen Weg gefunden, die vielen Anfragen, Großenhain wiederzusehen, erfüllen zu können. In Dresden an der Schweriner Straße gründete sich eine Reiseagentur, die solche Fünf-Tage-Reisen anbietet. Wolfgang Wehner weiß auch genau, welche Orte die Familien sehen möchten: Dresden, Großenhain, Brandis und Jüterbog zum Beispiel. Als Gästeführer werden ausschließlich russisch sprechende, frühere Absolventen der Militärakademie zur Verfügung stehen, die das abgeschottete Leben der Familien an den Standorten gut kennen und auf Alltags- und militärische Fragen aus ihren Erfahrungen heraus auch antworten können.
„Das ist doch ganz klar, die Kinder der Militärangehörigen, die in Mitteldeutschland aufgewachsen sind und auch deren Kinder, wollen ihre alte Heimat wiedersehen“, erzählt Wolfgang Wehner. Der Radebeuler weiß, wovon er spricht. Er hat selbst an der Militärakademie in Moskau studiert, seine Kinder gingen dort zur Schule und wollten selbst eines Tages mal sehen, wie die Straße, in der sie gewohnt haben, heute aussieht. Also ist er mit seinen Kindern hin geflogen, hat Freunde besucht, sich vieles zeigen lassen. „Nichts anderes will die junge Generation der Russen“, so Wehner. „Großenhain ist in vielen Familien immer noch ein Stück Heimat“, ist sich Wehner sicher. Die junge Generation interessiere sich zudem dafür, wie die Deutschen heute leben und denken, was aus der fremden Heimat geworden ist. Weil das Interesse daran so riesig ist, drehte am Mittwoch das Kamerateam „Unser Kino“ auf dem Großenhainer Flugplatz interessante Sequenzen aus dem Bunker Granit. Denn hier hat Marcel Reichel wie an kaum einem anderen Ort die Flugplatzgeschichte wach gehalten. Rossija-Redakteur Alexander Emir-Shakh ließ sich vom Dolmetscher Sergej Wilhelm nicht nur einzelne Ausstellungsstücke erklären, er wollte auch wissen, was es überhaupt noch für militärische Anlagen aus der Stationierungszeit gibt und wie Menschen wie Marcel Reichel dazu gekommen sind, sich so intensiv mit dieser Historie zu befassen. Im März soll die Sendung über Großenhain in Russland ausgestrahlt werden. Die Reiseflyer für Großenhain sind dann auch gedruckt.

135 Millionen Menschen empfangen die Sendung

Kinder ehemaliger Armeeangehöriger interessieren sich für Deutschland 

Von Birgit Ulbricht

Wir fragen den Redakteur Alexander Emir- Shakh, wie weit der russische Fernsehsender Rossija 1 seine Programme ausstrahlt. Schließlich wollen wir wissen, wer den Film über Großenhain sehen kann. Der Redakteur lacht übers ganze Gesicht. „Die halbe Erdkugel“, sagt er. Tatsächlich sendet Rossija 1 in ganz Russland und zum Teil den ehemaligen Sowjetrepubliken. Er unterhält in Russland 80 Regionalsender, die in Regionalfenstern in das landesweite Programm einblenden. Rossija strahlt ein Fernsehvollprogramm aus, das von 135 Millionen Zuschauern empfangen werden kann. Bis 2001 war ein hoher Anteil US- und lateinamerikanischer Produktionen bei Rossija. So war von 1992 bis 2002 zum Beispiel California Clan beliebt auch die Teletubbies oder Kommissar Rex wurden gern gezeigt. Seit einigen Jahren produziert der Sender eigene Filme und Serien. Mit dem Bezahlkanal „Mein Planet“ betreibt Rossija 1 zudem den größten russischen Auslandssender in Europa. Die Vereinigung „Unser Kino“ – eine Art freies Kamerateam – dreht derzeit an der Dokumentation aus ehemaligen Garnisonsstandorten in Mitteldeutschland.

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