Anwesenheit sowjetisch-russischer Fliegerkräfte in Großenhain

insgesamt

1
Jahre

Am 02.Mai 1945 landete Kommandeur Gardeoberst Pokryschkin mit der 9. Garde-Jagdfliegerdivision in Großenhain. 

1
Monate

Das Leben in Großenhain wird durch die Anwesenheit von 7000 – 8000 Angehörigen der Sowjetarmee mitbestimmt.

1
Tage

Am 19. August 1993 verließ die letzte russische Transportmaschine den Großenhainer Flugplatz in Richtung Heimat.

STATIONIERUNG UND AUSBAU

Im Jahr 1993 endete auf dem Großenhainer Flugplatz die 48- jährige Nutzung durch die sowjetisch-russischen Fliegerkräfte. 

Am 02.Mai 1945 landete Kommandeur Gardeoberst Pokryschkin mit der 9.GwIAD (Garde-Jagdfliegerdivision) u.a. mit IL-2, IL-10, Jak-9 in Großenhain.

Das bestehende Flugplatzgelände mit seiner Infrastruktur wurde nach der Besetzung 1945 komplett übernommen. Dazu gehörten auch sieben Flugzeughallen (davon war eine Halle zum Kriegsende zerstört) und eine bereits aus den 1930er Jahren stammende Flugzeugwerft. In Großenhain gab es bereits ein befestigtes Start- und Landebahnsystem mit 1375 x 80 m in Ost-West- Richtung und 800 x 80 m in Nord-Süd- Richtung. Viele Gebäude und Flugzeughallen der Wehrmacht wurden bis zum Abzug der sowjetischen Truppen weitergenutzt. Der Fliegerhorst entwickelte sich zu einer sowjetischen Garnisonsstadt. In den 1950er und 1960er Jahren folgte die schrittweise Verlängerung der Start- und Landebahn auf 2375 x 48 m (Kernbereich) in Richtung 12/30. Ebenso wurden zwischen 1968 und 1974 zum Schutz von Flugzeugen, Gefechtsständen, Waffenlagern, Munitionsdepots und Wartungseinrichtungen 40 Bogendeckungen (Shelter, Hangars) GDF-2A/13 sowie zwei Bunker vom Typ Granit 1 und ein Flugleitbunker errichtet.
Eine Kraftstoffringleitung um den gesamten Flugplatz mit einem Haupttanklager unter der Erde nordwestlich der Landebahn und drei Zwischenpumpstationen trugen der zunehmenden Modernisierung der sowjetischen Flugtechnik Rechnung. Zum Schutz des Flugplatzes wurde 7 km nordwestlich von ihm nahe der Gemeinde Bauda eine Flugabwehr-Raketenstellung geschaffen.

Eine dringend notwendige Rekonstruktion der Flugbetriebsflächen erfolgte um 1983/84. 
Auch der sogenannte Kommando- Dispatcher Punkt (KDP) wurde saniert. Es handelte sich dabei um einen aus Betonfertigteilen errichteten „Tower“, von dem der Flugbetrieb befehligt wurde. Im Falle eines militärischen Konfliktes hätte man die gesamte Flugleitung sofort in den Flugleitbunker verlagert.

Die SLB ist in Anflugrichtung 115 durch die Bundesstraße B101 und in Hauptanflugrichtung 295 durch die Bahnlinie Dresden-Cottbus begrenzt.
Die unmittelbar am Flugfeld vorbeiführende Bahnlinie Dresden – Cottbus war mittlerweile elektrifiziert. Für die dicht über dem Bahndamm einfliegenden Maschinen musste in diesem Bereich ein sogenannter Schwungfahrtabschnitt, also ein Streckenstück ohne Oberleitung, eingerichtet werden.

Für die Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit sowohl in militärischen als auch in den öffentlich-zivilen Bereichen war in der Garnison die Kommandantur zuständig.
In der Großenhainer Garnison war der Sitz der Kommandantur Königsbrück/ Großenhain, eine von insgesamt 47 sowjetischen Kommandanturen.
Zum Beispiel lagen die Kontrollpunkte „KPP“ der Garnison in der Verantwortung der Kommandanturen und riegelten die Garnison von der Öffentlichkeit ab. 

Der zuletzt für den Flugplatz Großenhain genutzte Deckname war „Ararat“.

Übliche Flugdiensttage in Großenhain waren Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Die Anwohner von Großenhain und Folbern werden den permanenten Flugbetrieb sicher noch „gut“ in Erinnerung haben. Um 1990 bestand der Regiments-Flugzeugpark aus 32 MiG-27, 8 MiG-23UB sowie 1 An-2 und 1 Mi-9 der Fliegerdivision. Im Sommer 1992 umfaßte der Personalbestand des 296. APIB 463 Offiziere und Soldaten. Am 22. März 1993 erfolgte die Rückführung von 28 MiG-27 und 8 MiG-23UB des 296. ABIP nach Tschebenki bei Orenburg/RUS in ein Depot. Die Flugzeuge dürften dort im Rahmen internationaler Abrüstungsabkommen verschrottet worden sein. Noch 1993 wurde dieses Regiment als 296. BAP (Bombenfliegerregiment) mit Su-24 ausgerüstet und in Marinowka/RUS stationiert. Im Sommer 1998 hat man dieses Bombenfliegerregiment allerdings aufgelöst.

Weiterhin war Großenhain Standort der 105. ADIB, einer Fliegerdivision der Jagdbomber. Sie soll 1950 formiert und wahrscheinlich 1951 in die DDR verlegt worden sein. Der Division waren die Regimenter auf den Flugplätzen Großenhain (497. APIB), Finsterwalde (559. APIB) sowie anfangs Altes Lager (116. GwIAP) und später Brand (116. GwAPIB & 911. APIB) unterstellt. Die 105. ADIB beendete am 10. August 1993 ihre Aktivitäten auf deutschem Boden und wurde nach Woronesh zurückgeführt. Sie trägt nun die Bezeichnung 105. SAD (Gemischte Fliegerdivision). 

Für die sowjetischen Truppen im Südosten der DDR hatte Großenhain eine zentrale Lage. Seit 1973 wurde der Flughafen daher regelmäßig im Frühjahr und Herbst, für die Dauer von 3-4 Wochen, auch mit Flugzeugen verschiedener Aeroflot-Divisionen IL-18, IL-62, Tu-134, Tu-154 und anfangs noch mit Tu-114 zum Austausch von Personal angeflogen. Ein Teil des Aeroflot Flugzeugparks diente den sowjetischen Streitkräften als Transportreserve. Sie unterstützten die militärischen Transportregimenter, welche dafür anfangs An-12 und später hauptsächlich IL-76M/MD einsetzten. Die letzten Flüge im Rahmen des Truppenaustausches fanden in Großenhain im November/Dezember 1992 vorrangig mit IL-76 statt.

GEBÄUDENUTZUNG

Auf dem ca. 80 Hektar großen Gelände, innerhalb der die Garnison und den Flugplatz umgebenden Einzäunung bzw. Betonmauer, befanden sich bis 1993 ca. 200 Gebäude mit folgender Nutzung:

  • Stabs- und Verwaltungsgebäude, 
  • Kasernen,
  • Wohngebäude, 
  • Kindergarten- und Schulgebäude,
  • Verkaufsstellen,
  • Restaurant, Cafes und Kantinen, 
  • Dienstleistungsgebäude,
  • Postgebäude,
  • Garagen, 
  • Reparaturwerkstätten,
  • Lager,
  • Heizhäuser,
  • Energieversorgung, Feuerwehr, 
  • Tank- und Waschstellen,
  • Sporthallen,
  • Produktionsgebäude,
  • Gebäude für medizinische Zwecke,
  • Gebäude für kulturelle Zwecke,
  • Gefängnis,
  • Technische und Wachkontrollpunkte. 

Dazu kommen noch insgesamt 40 Shelter und 2 Bunker vom Typ „Granit 1“.

Außerhalb der Garnison im Stadtzentrum diente der ehemalige „Sachsenhof“ als „Haus der Offiziere“, in dem sich das kulturelle Leben abspielte.

SOLDAT UND KASERNE

Die Einrichtung und der Aufbau der Kaserne waren in Vorschriften geregelt. Einer der Grundbestandteile des soldatischen Lebens ist der Dienst und der Aufenthalt in der Kaserne. In der sowjetischen Armee war der Dienst streng reglementiert, die knapp bemessene Freizeit oft organisiert bis hin zum seltenen Ausgang in der Gruppe.

Der allgemeine Tagesablauf eines sowjetischen Soldaten war ungefähr folgender:

      • 6.00 Uhr – Wecken 
      • 6.05 – 6.55 – Frühsport
      • 7.00 – 7.18 – Morgenappell
      • 7.40 – Politinformation
      • 8.10 – Frühstück
      • 9.00 – 14.50 – 6 Stunden Unterricht oder Dienst
      • 15.00 – Mittagessen
      • 16.00 – Waffen reinigen
      • 17.00 – 17.45 Selbststudium
      • 18.00 – Massenpolitische oder sportliche Betätigung
      • 19.50 – Abendbrot
      • 21.30 – Abendspaziergang
      • 21.40 – Abendappell
      • 22.00 – Nachtruhe

Die deutsche Bevölkerung hatte am Wochenende des 15./16. August 1992, anlässlich des „Tages der Luftstreitkräfte“, das erste mal die Gelegenheit den Flugplatz zu besichtigen. An Luftfahrzeugen waren anwesend: IL-76, An-22, An-26, An-2, Su-17, Su-24, Su-25, MiG-23UB, MiG-27, MiG-29, Mi-6, Mi-8 und Mi-24. 

ZULETZT STATIONIERTE FLUGZEUGMUSTER

Der beim 296. ABIP in Großenhain eingesetzte Flugzeugtyp MiG-27 ist ein Jagdbomber mit variabler Flügelgeometrie. Die MiG-27 ist aus der MiG-23B hervorgegangen, die ihren Erstflug am 20. August 1970 hatte. Der MiG-27 Erstflug fand am 17. November 1972 statt. In den Jahren 1973-1986 wurden 910 Serienexemplare in den Werken Moskau, Irkutsk und Ulan-Ude produziert. 

Die in Großenhain stationierte Variante wird als MiG-27D bzw. M angegeben. Sie waren auch in Altenburg und Lärz stationiert. Eine weitere Variante, die weitaus modernere MiG-27K bzw. KR ist mit TV/Laser Zielmarkierer ausgerüstet. Deren Stationierungsorte in Deutschland waren Brand und Finsterwalde. 

ÜBERSICHT ÜBER DIE TRUPPENTEILE UND EINHEITEN DER LUFTSTREITKRÄFTE DER WESTGRUPPE DER TRUPPEN AUF DEM FLUGPLATZ IN GROßENHAIN IM JAHRE 1992

        • 105. Jagdbombenfliegerdivision / 105. JBD; Dienststellennr. (Feldpostnr.) 57655
        • 296. Jagdbombenfliegergeschwader / 296. JBG; Dienststellennr. 81989
        • 1132. Flugleitzentrum / 1132. FLZ; Dienststellennr. 81989-Z
        • 147. Fliegertechnisches Regiment / 147. FTR; Dienststellennr. 29603
        • 658. Kfz-Instandsetzungswerkstatt; Dienststellennr. 29603-M
        • 49. Treibstofftankstation; Dienststellennr. 29603-V
        • 250. Selbständiges Bataillon der technischen Sicherung des Flugplatzes; Dienststellennr. 81925
        • 322. Selbständiges Nachrichtenbataillon; Dienststellennr. 79750
        • 727. mobile Flugzeugreparaturwerkstatt; Dienststellennr. 57655-D
        • 1777. Kfz-Gerätelager bzw. Kfz-Lager / 1777. KfzGL; Dienststellennr. 33625
        • Sonderabteilung des KGB; Dienststellennr. 04765
        • Sicherheitsabteilung des KGB; Dienststellennr. 04765-V
        • 172. Selbständiges Bataillon der funktechnischen Sicherstellung; Dienststellennr. 33299 s
        • 982. Zentrale der funktechnischen Sicherstellung; Dienststellennr. 33299-u
        • 1587. Technische Instandsetzungsbasis; Dienststellennr. 21149
        • Offiziersklub der Garnison; Dienststellennr. 57655-D
        • 117. Handelsversorgungseinrichtung; Dienststellennr. 57655-V
        • …; Dienststellennr. 68773
        • 2011. Kurier- und Feldpoststelle; Dienststellennr. 79635

DER TRUPPENABZUG

Am Vormittag des 22. März 1993 erfolgte die Rückführung des 559. APIB von Finsterwalde nach Morosowsk/RUS und des 296. APIB von Großenhain nach Orenburg/RUS. Die 72 Flugzeuge der beiden Regimenter mussten gemäß Zeitplan innerhalb von 4 Stunden abgezogen werden. In Finsterwalde und Großenhain standen jeweils 28 MiG-27 und 8 MiG-23UB zum Abflug bereit. Dies war nicht nur für die Russen eine logistische Herausforderung.

Nach Rückführung der Flugzeugtechnik kehrte auf dem Flugfeld noch keine Ruhe ein. Von nun an wurden verstärkt Transportflüge mit IL-76M/MD und An-22 zum Ausfliegen restlicher militärischer und anderweitiger Technik durchgeführt. Wesentlich seltener waren Flüge mit militärischen An-12. 

Die letzte IL-76 landete am 17. August in Großenhain. Nach dem kompletten Abzug des Militärs, stand das Flughafengelände einer zivilen Nutzung zur Verfügung. Heute befinden sich auf dem Flughafen ein Aeroclub, Flugschulen für Privatpiloten und das Fliegende Museum Koch. Viele der Gebäude und Bunkeranlagen wurden in den letzten Jahrzehnten abgerissen. Die MiG’s sind längst Vergangenheit…

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